Pflichtteil bei Grundstücksschenkung

Pflichtteil bei Grundstücksschenkung. Erklärt von Erbrechtler Gerhard Ruby.

 

Oft wird versucht, den Pflichtteil von Kindern durch Schenkungen zu unterlaufen. Was nicht mehr im Nachlass ist, könnte ja auch beim Pflichtteil keine Berücksichtigung finden. Denkste!

Schenkungen aus den letzten zehn Jahren vor dem Tod werden immer zugunsten der Pflichtteilsberechtigten berücksichtigt. Schenkt man Häuser oder Eigentumswohnungen und behält sich am gesamten Objekt den Nießbrauch oder ein Wohnungsrecht vor sind solche Schenkungen auch dann zugunsten des Pflichtteilsberechtigten zu berücksichtigen, wenn sie länger als zehn Jahre zurückliegen. Schenkungen an den Ehegatte, z.B. die Haushälfte oder die Abzahlung des Hauskredits, sind immer zu berücksichtigen, selbst wenn sie 30 oder 40 Jahre zurückliegen. Wie eine Grundstücksschenkung (mit oder ohne Haus) für den Pflichtteil berechnet wird, zeigt mein

Beispielsfall für Pflichtteil bei Grundstücksschenkung

Der 2017 verstorbene Erblasser Emil hat seine Lebensgefährtin Ludwina zur Alleinerbin eingesetzt. Das einzige Kind Karsten ist enterbt. 2009 hat der Erblasser an seine damalige Geliebte Gertrud ein Grundstück im Wert von 100.000 Euro verschenkt. Der Schenkungswert ist auf den Todesfall zu indexieren, d.h. es wird der Kaufkraftschwund des Geldes korrigiert. Lag der Index für die Lebenshaltungskosten 2009 bei und  2015 bei 110 ist der Schenkungswert mit 110 % zu indexieren.. Das Grundstück ist 2017, nach Ablauf von 8 vollen Jahren, laut Verkehrswertgutachten 110.000 wert. Der Nachlass, den Emil hinterlässt, hat einen Wert von 20.000 Euro. Wie hoch ist der Gesamtpflichtteil von Karsten?

Lösung

Zunächst ist der ordentliche Pflichtteil zu berechnen, der sich auf den hinterlassenen Nachlass von 20.000 Euro bezieht. Er ist ein Bruchteil, nämlich die Hälfte des Erbes, das Karsten erhalten hätte, wenn Emil kein Testament errichtet hätte. Ohne Testament, also nach der gesetzlichen Erbfolge, wäre Karsten Alleinerbe geworden. Der Pflichtteil beträgt die Hälfte der gesetzlichen Alleinerbenstellung, also 50 %.

  • ordentlicher Pflichtteil = 20.000 Nachlass x ½ = 10.000
  • Der Schenkungswert ist für jedes volles  Jahr seit der Schenkung um zehn Prozent abzuschmelzen und zu indexieren: 100.000 x 110/100 = 110.000. Der indexierte Schenkungsert und der Erbfallswert sind exakt gleich. Maßgebend ist der Erbfallwert, es sei denn der Schenkungswert ist niedriger. Das ist nicht der Fall. Somit ist der Erbfallwert maßgebend und auf 20 % abzuschmelzen. Das macht dann 110.000 x 20 % 0  = 22.000
  • Jetzt wird der Gesamtpflichtteil ermittelt. Er errechnet sich aus einem gedachten Nachlass, der sich aus dem wirklichen Nachlass und dem abgeschmolzenen Schenkungswert zusammensetzt, also 20.000 + 22.000 = 44.000. Hierauf wird die Pflichtteilsquote an 1/2 angewandt: 44.000 x 1/2 = 22.000. Der Gesamtpflichtteil beträgt also 22.000.
  • Nun ist der Schenkungspflichtteil zu errechnen. Man nennt ihn auch außerordentlichen Pflichtteil oder Pflichtteilsergänzungsanspruch. Er ist die Differenz von Gesamtpflichtteil und ordentlichem Pflichtteil:  Gesamtpflichtteil 22.000  ./. ordentlicher Pflichtteil 10.000 = 22.000 ./. 10.000 = 12.000

Ergebnis

Das Pflichtteilsrecht von Karsten ist so stark, dass die Lebensgefährtin den gesamten Nachlasswert an Karsten zahlen muss. Karsten erhält von Ludwina 20.000 Euro. Damit sind 10.000 ordentlicher Pflichtteil von weitere 10.000 von 12.000 Schenkungspflichtteil bezahlt. Die restlichen 2.000 Euro Schenkungspflichtteil hat die beschenkte ehemalige Geliebte zu tragen.

Karsten erhält also 22.000 Euro, der Lebensgefährtin bleibt nichts, der ehemaligen Geliebten bleiben wertmäßig 108.000 Euro.

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